Christian Schett: Wie mir der Flipped Classroom half, Zeit zum Unterrichten zu haben

Als Deutschlehrer an einer Polytechnischen Schule hat man gleich mit mehreren Problemen zu kämpfen. Man hat die Schüler/innen nur ein Schuljahr, das Einzugsgebiet besteht in meinem Fall aus 16 unterschiedlichen Gemeinden und das Grundwissen, das die Schüler/innen mitbringen, könnte unterschiedlicher nicht sein.

Inhaltlich sollte man dann in Deutsch sowohl Themen besprechen, die die Schüler/innen auf ihr Berufsleben vorbereiten, als auch die Grundlagen in Rechtschreibung und Grammatik wiederholen. Gerade dieser letzte Punkt ist sehr zeitintensiv und hat mich in der Vergangenheit immer wieder zur Frage gebracht, wie ich dies effektiver gestalten könnte, sodass mehr Zeit für die wichtig(er)en Themen übrigbleibt. Die Lösung hieß: Flipped Classroom.

Zu diesem Zweck habe ich den Jahresstoff in Module zerlegt, die jeweils aus zwei Themen bestehen: einem berufsspezifischen oder einem lebenskundlichen Thema (Bewerbungsschreiben, Lebenslauf, Bewerbungsgespräch usw.) und einem Wiederholungsthema aus Grammatik oder Rechtschreiben, welches die Schüler/innen eigentlich schon aus der Mittelschule können sollten.
Zu Beginn eines Moduls, das sich jeweils über 12 Unterrichtsstunden erstreckt, erhalten die Schüler/innen ein Arbeitsblatt, auf dem die wichtigsten Inhalte zusammengefasst sind (inklusive Verweis auf das Schulbuch und weiterführende Links im Internet) und die Aufgabenstellungen in Form von Links bzw. QR-Codes enthalten sind. Als „Hausaufgabe“ haben die Schüler/innen nun eine Woche Zeit, sich die Lernvideos und Lerneinheiten zu dem entsprechenden Grammatik- oder Rechtschreibthema anzusehen, während im Unterricht das Berufsthema erarbeitet wird.

Um eine Kontrolle darüber zu haben, ob die Schüler/innen die Lernvideos und Lerneinheiten auch wirklich ansehen, sind diese in meinem Fall auf einer Lernplattform (Moodle) „geparkt“. In Kombination mit dem Moodle-Plugin H5P kann ich nicht nur sehen, ob die Videos angeschaut wurden, sondern auch Fragen und Aufgaben in die Videos einbauen. Die Ergebnisse werden dann automatisch im Gradebook von Moodle eingetragen. So sehe ich auch sofort, ob es eventuell Schwierigkeiten zu diesem Thema gibt. Durch „Selbsttests“ unter jedem Thema haben auch die Schüler/innen die Möglichkeit, zu überprüfen, ob sie die Inhalte bereits verstanden haben. Ein sofortiges Feedback durch Moodle ermöglicht es, aus gemachten Fehlern zu lernen.

Ist die Woche verstrichen, startet in der Schule eine intensive Übungswoche. Die Schüler/innen erhalten Arbeitsblätter zum Thema und sollten diese möglichst selbstständig erarbeiten. Hat ein/e Schüler/in Probleme, so ermöglicht es der Flipped Classroom auf diese Probleme im Einzelnen einzugehen, ohne den Arbeitsfluss der Klasse zu stören. Schüler/innen, die diese Aufgaben leicht bewältigen, werden zu „Hilfslehrer/innen“ und unterstützen diejenigen, die sich mit den Aufgaben schwerer tun. Am Ende dieser Übungswoche wird dann gemeinsam besprochen, ob das Thema nun „sitzt“, oder ob es weiterer Erklärungen bedarf. Von dieser Feedback-Runde hängt dann der Verlauf von der dritten Modul-Woche ab, die dann eben für die weitere Vertiefung des Berufsthemas genommen wird oder noch durch zusätzliche Übungsaufgaben ergänzt wird.

Grundsätzlich kann ich sagen, dass sich diese Methode bewährt hat und ich nun endlich die Zeit im Deutschunterricht finde, auf die mir wichtigen Themen in der Tiefe einzugehen, wie sie mir notwendig erscheint. Natürlich würde ich lügen, wenn ich behauptete, dies liefe immer reibungslos ab. So, wie es Schüler/innen gibt, die die „normalen“ Hausaufgaben nicht machen, gibt es natürlich auch vereinzelt welche, die sich die Videos nicht ansehen. Doch durch die Kontrolle mit dem H5P-Plugin in Moodle kann man diesen Schüler/innen schon recht früh klarmachen, dass dies nicht unbemerkt bleibt.
Ein weiteres Problem ist zu Beginn des Schuljahres immer die Anmeldung an der Lernplattform. Seltsamerweise sind Schüler/innen durchaus im Stande, sich bei Facebook zu registrieren, aber sobald das Wort „LERNplattform“ ins Spiel kommt, wird es mitunter mühsam. Aus diesem Grunde gehe ich am Schulanfang mit den Schüler/innen in den Computerraum und wir nehmen die Registrierung gemeinsam vor – Schritt für Schritt.

Wie die meisten Anhänger des Flipped Classrooms setze ich gerne auf Lernvideos, da sie aus meiner Sicht am besten alle Sinne ansprechen, doch sehe ich durchaus auch Alternativen zu den Videos und setze diese auch ein. Sei es eben in Form von Lerneinheiten, die ich mit Articulate Storyline erstelle, als auch mithilfe von Webtools wie z. B. GoConqr. Letztlich, und darin sehe ich einen weiteren Vorteil des Flipped Classrooms, regt diese Methode zum eigenständigen Lernen an. In Zeiten, in denen sich die Berufswelt ständig verändert und lebenslanges Lernen ein wesentlicher Bestandteil dieses Wandels ist, können Schüler/innen nicht früh genug das (selbstständige) Lernen lernen.

 

Christian Schett ist Lehrer an der Polytechnischen Schule Bregenz. Interessiert an eLearning (Moodle), Webtools und Software, die einem das Lehrerdasein erleichtern, und über die er als Gelegenheitsblogger auf  (www.flipclass.eu) berichtet.

 

 

Vielen DANK  für diesen Beitrag zu Flipped Classroom im Deutschunterricht!

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